20. Januar 2019 23:05 Alter: 28  Tage
Kategorie: Literaturhaus, Berichte

Familiengeschichten aus Arpshagen

 Von Barbara Stierand

Eine lange Schlange hatte sich an diesem nebelverhangenen Januarsonntag vor dem Literaturhaus „Uwe Johnson“ in Klütz gebildet. Viele Interessierte waren zur Lesung von Horst Lederer gekommen.


Horst Lederer liest aus seinen aus seinem Text „Die Familien Lederer in Arpshagen“

Eine lange Warteschlange vor dem Literaturhaus. Nicht alle konnten rein.

Die meisten Zuhörer bekamen jedoch eine Eintrittskarte.

Horst Lederer mit dem Buch „Alltagsleben nach 1945 in Mecklenburg“

Lehrer unter sich. Hier mit Reinhard Nowak, ehemaliger Schuldirektor von Klütz

Horst Lederer im Gespräch mit Gästen.

Leider konnten an diesem Vormittag nicht alle Personen Platz finden. Der ehemalige Sprachlehrer aus Grevesmühlen las aus seinem autobiografischen Text „Die Familien Lederer aus Arpshagen“.

Eingangs distanzierte er sich von dem Buch „Alltagsleben nach 1945 in Mecklenburg“, das auf Grundlage seines Textes in der gelben Reihe von Jürgen Ruszkowski „Zeitzeugen des Alltags“ erschienen war. Lederer hatte dem Verleger seinen Text zwar zur Verfügung gestellt: „Doch Herr Ruszkowski veränderte den Titel und den Untertitel und fügte eigene Kommentare hinzu. Dies hatte dann nichts mehr mit dem Inhalt meines Textes zu tun, und so entstand eine Art Buchhybrid“, so Horst Lederer. Er betonte deshalb, dass er heute nicht aus dem Buch, sondern aus seiner Schrift „Die Familien Lederer aus Arpshagen“ lese.

Er schildert auf eine höchst vergnügliche und anschauliche Art und Weise seine Kindheitserlebnisse und die Geschichte seiner Familie in Arpshagen, die er zunächst nur für seine eigene Familie aufgeschrieben hatte. Am 3. Mai 1945 kam er mit seiner Mutter, seiner Tante und anderen Verwandten in drei Treckwagen zunächst in Oberklütz an. Die Familien hatten ihre Heimat in Pommern verlassen, ihre Flucht vor der Roten Armee endete im Klützer Winkel. Etwas später zogen die Familien nach Arpshagen in das dortige Gutshaus.

Mehrere Flüchtlingsfamilien waren dort untergebracht. „Trotz dieser ungewöhnlich großen Zahl an Hausbewohnern, die hier auf engstem Raum zusammen wohnten, deren Herkunft, Temperament und Lebensgewohnheiten sehr unterschiedlich waren, eskalierten die Konflikte zwischen einzelnen Familien selten“, so der Autor. „Obwohl das ganze Gutshaus tagsüber von unbeschreiblichen Lärm erfüllt war, von Kindergeschrei, lautem Gebrüll und Auseinandersetzungen zwischen Familienmitgliedern.“ Die Nachbarn untereinander halfen sich jedoch – etwa bei der Nutzung der Waschküche, bei der Kinderbetreuung, beim Melken oder beim Kochen von Rübensirup – und nahmen Rücksicht aufeinander. Thematisiert wurde jedoch auch das gespannte Verhältnis zwischen Einheimischen und Flüchtlingen.

In seinen Erinnerungen erzählt der Autor auch von der Bodenreform sowie der folgenden Neuverteilung des Landes. Auch die Familien Lederer kamen durch eine sogenannte „Verlosung“ in den Besitz von Ackerland. In Arpshagen trat die Bodenreform der damaligen Sowjetischen Besatzungszone am 19. Oktober 1945 in Kraft. „Junkerland gehört in Bauernhand“ war das Motto. Im Zuge dessen wurde der Grund und Boden der Grafenfamilie von Bothmer enteignet und neu verteilt.

Das Inkrafttreten der Bodenreform wurde gleichzeitig mit dem ersten großen Erntedankfest nach Kriegsende in Arpshagen gefeiert. Die erfolgreiche Einbringung der ersten Ernte im Frieden sollte gefeiert und den Landarbeitern gedankt werden. „Es war ein fröhliches Fest. Eine kleine Musikkapelle aus Klütz spielte auf. Es gab Fassbier und Schnaps, die ihre Wirkung nicht verfehlten“, beschreibt Horst Lederer seine Erinnerungen. Während dieses fröhlichen Erntedankfestes in Arpshagen vergewaltigen an diesem Abend marodierende sowjetische Soldaten deutsche Frauen in Oberklütz und drangen in Wohnhäuser ein. Dabei wurde der Bauer Johann Wieschendorf erschossen, der mit seiner Frau Anna versucht hatte, sich zu wehren.

Ab 1952 besuchte Horst Lederer die Oberschule in Grevesmühlen. Täglich fuhr er mit dem Zug „Klützer Kaffeebrenner“ von Klütz hin und wieder zurück. Diesen Fahrten widmete er ein paar unterhaltsame Seiten und erzählte sehr zur Belustigung des Publikums einige heitere Episoden. Wie etwa vom Uhrmachergesellen Hubert Schwarz, der nie pünktlich war und doch immer den Zug erwischte, weil der Zugführer auf ihn wartete. Oder vom Schaffner, dessen Fehlen der Zugführer erst in Stellshagen bemerkte und daraufhin kurzerhand rückwärts fuhr, um ihn in Reppenhagen wieder abzuholen. Auch von einem geschnitzten Gegenstand war die Rede, der einem Häufchen menschlicher Exkremente ähnlich sah. Dieser wurde auf einen leeren Platz gelegt, um unerwünschte Fahrgäste fernzuhalten. „Der Erfolg war durchschlagend: Sich die Nase zuhaltend zog der ‚Eindringling’ augenblicklich ab“, so Lederer. Die meisten der Dauerfahrgäste, ob Arbeiter, Oberschüler oder Lehrling, hatten sich nämlich ihren Stammplatz gesichert und reagierten höchst unfreundlich und abweisend mit einem „hier sitze ich immer“, wenn sich ein anderer unwissentlich hinsetzen wollte.

Noch stundenlang hätte man den Erzählungen von Horst Lederer zuhören können. Am Ende gab es begeisterten Applaus. Einige Zuhörer hatten Anmerkungen, etwa dass er diese oder jene Person vergessen hatte zu erwähnen. Wieder andere bestätigten seine Beschreibungen der Fahrten mit dem Klützer Kaffeebrenner, da sie es selbst genauso erlebt hatten. Das Buch „Alltagsleben nach 1945 in Mecklenburg“ gab es übrigens trotzdem am Büchertisch zu kaufen und ist auch im lokalen Buchhandel erhältlich.

Horst Lederer war einer Einladung des Fördervereins des Literaturhauses „Uwe Johnson“ gefolgt. Aufgrund des großen Interesses wird über eine Wiederholung der Lesung nachgedacht. Ein Termin steht jedoch noch nicht fest.


Dies ist der Internetauftritt der Schloßstadt Klütz, Landkreis Nordwestmecklenburg. Zum Impressum