„Der Ofensetzer“ – Die Stasi im Klassenzimmer

 

Brechend voll wäre das Literaturhaus „Uwe Johnson“ normalerweise bei der hochkarätigen künstlerischen Besetzung am Abend des 31. Juli 2020 gewesen. Aufgrund der derzeit geltenden Abstandsregeln kamen jedoch nur etwa 30 Besucher an diesem lauen Sommerabend in den Lesegarten des Hauses.

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Christan Ahnsehl und Andreas Pasternack im Lesegarten des Klützer Literaturhauses.

„Wir hätten wesentlich mehr Karten verkaufen können“, so Katrin Peritz, seit Juni neue Mitarbeiterin im Literarturhaus. „Wir haben sogar in letzter Minute jemanden von der Warteliste angerufen, da eine angemeldete Person nicht erschienen war.“

Christian Ahnsehl, im Hauptberuf Musiker und Mitglied der Andreas-Pasternack-Band, präsentierte an diesem Abend seinen Debütroman „Der Ofensetzer“. Eine packende Geschichte über einen Jugendlichen, der in die Fänge der DDR-Staatssicherheit gerät und inoffizieller Mitarbeiter wird. Nicht nur dem Protagonisten des Romans, auch Ahnsehl selbst ist es so ergangen. Der Autor unterschrieb im Alter von 15 Jahren eine Verpflichtungserklärung und bekam den Auftrag, sich in einer christlichen Gemeinde in seiner Heimatstadt Rostock umzusehen und Informationen darüber zu sammeln. Exemplarisch stellt Ahnsehl an der Hauptperson des Schülers Tom Gradow dar, wie Jugendliche von der Stasi für Spitzeldienste missbraucht wurden und welcher Methoden sie sich bediente.

Auch der fünfzehnjährige Christian Ahnsehl hatte, wie sein Alter Ego im Roman, einen Satz an die Mauer seiner Schule geschrieben. Er schrieb „Steh auf“ und „Ich will Leben“. Seine Romanfigur Tom Gradow schrieb „Meine Seele ist noch nicht gestorben“. Ein Satz aus Ansichtskarten mit Schmetterlingen, die von Unbekannten verschickt wurden und die Stasi auf den Plan riefen.

„Ja, die Geschichte ist autobiografisch“, so Christian Ahnsehl im Gespräch mit Wolfram Pilz, der den Abend moderierte. „Ich wollte aber nicht wehklagen, sondern verstehen, was mir damals passiert ist. Mir war es wichtig, das Ganze literarisch anzugehen und auch andere Perspektiven einzunehmen. Beweggründe von anderen Personen für ihr Handeln aufzuzeigen und literarisch zu verarbeiten.“

Dass ihm dies hervorragend gelungen und daraus eine äußerst fesselnde Geschichte entstanden ist, stellte Wolfram Pilz, Journalist und Moderator des Kulturjournals auf NDR 1 Radio MV, fest: „Der Roman hat eine Spannung. Keine Krimispannung, aber es packt einen.“

Christian Ahnsehl betonte, dass es nicht nur ein düsterer Roman sei, wie die Kapitel vielleicht vermuten ließen, aus denen er las. Wie zur Bestätigung spielten er an der Jazzgitarre und Andreas Pasternack am Saxophon jazzige und romantische Musikeinlagen zwischen den Lesungen. Ob instrumental oder mit Gesang, das Publikum ging mit und war begeistert.

 

„Der Ofensetzer“ ist im Januar 2020 beim Weimarer Grünberg Verlag erschienen, hat 285 Seiten und kostet 19,80 Euro.

Lesung und Konzert fanden im Rahmen des 17. Klützer Literatursommers statt. „Wie das Leben so spielt“ ist das diesjährige Motto. Bis Ende September können sich Kulturfans auf weitere Veranstaltungen freuen. Mehr zum Programm auf der Homepage des Literaturhauses https://www.literaturhaus-uwe-johnson.de  oder unter Veranstaltungen auf https://kluetz-mv.de

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Christian Ahnsehl stellte seinen Debütroman „Der Ofensetzer“ vor, hier im Gespräch mit Wolfram Pilz (l.)
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Eine Veranstaltung im Rahmen des 17. Klützer Literatursommers.
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Begeisterten mit Jazz, Gesang und Swing: Christian Ahnsehl, Andreas Pasternack.

 

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Andreas Pasternack und Wolfram Pilz im Literaturhaus „Uwe Johnson“, Klütz.