„Die wilden Jahre“ – Nordwestmecklenburgs erster Landrat erzählt von der Nach-Wende-Zeit

 

Vermummte Gesichter, viel Platz zwischen den Sitzen und weniger Publikum als sonst. Unter Corona-Bedingungen und hinter einer Hygieneschutzwand las Dr. Udo Drefahl, der erste Landrat Nordwestmecklenburgs nach der Wiedervereinigung, aus seinen persönlichen Erinnerungen an diese Zeit.

Die meisten der Zuhörinnen und Zuhörer, die trotz Corona an diesem Freitag, den 23. Oktober 2020 ins Klützer Literaturhaus „Uwe Johnson“ gekommen waren, kannten den ehemaligen Landrat persönlich, auch aus der Presse und der Politik. „Die wilden Jahre, Nach-Wende-Zeit in Nordwestmecklenburg. Erzählungen aus meiner Landratszeit“ titelte er sein Buch. Neben seinem persönlichen Werdegang beschreibt er darin auch die schwierigen ersten Jahre seiner Amtszeit von 1990 bis 2001. „Der abrupte Übergang von den zusammengebrochenen Verwaltungsstrukturen der DDR in die eingefahrenen Politik- und Verwaltungsgleise der ‚alten Bundesrepublik’ war ein historisch einmaliger Vorgang“, so der heute 80-jährige ehemalige Landrat und Mitglied der SPD. „Die Landkreise erhielten einen völlig anderen Charakter mit vielen neuen, für die Bürger wichtigen Aufgaben.“

Der Sitz des Landratsamtes war damals noch in Wismar. Er wolle jedoch nicht von der Umgestaltung der Verwaltungsstrukturen berichten, sondern über persönliche Erlebnisse in Zusammenhang mit der Arbeit, die nur in dieser spannenden Zeit nach 1990 geschehen konnten. „Im Laufe der Jahre wurde mir bewusst, dass ich ungewollt zu einem Zeitzeugen geworden war.“

Ein wichtiger Prozess in den Anfangsjahren seiner Amtszeit war die Überprüfung der Verwaltungsmitarbeiter*innen auf eine eventuelle Stasi-Mitarbeit. Diese Überprüfung war vom Kreistag Wismar und der Öffentlichkeit gefordert und sollte von der Verwaltung umgesetzt werden. „Das war eine sehr unangenehme Aufgabe und auch nach vier Jahren noch nicht beendet“, so Drefahl. „Natürlich wollte ich alles daran setzen, diese schwierige Herausforderung so schnell wie möglich zu bewältigen. Auf keinen Fall sollte der Bevölkerung zugemutet werden, dass in der Kreisverwaltung weiter Mitarbeiter tätig sind, die vor 1990 als geheime Spitzel Informationen über Bürger zu Mielkes Stasi-Apparat getragen haben.“

Udo Drefahl setzte sich mit der Gauck-Behörde in Rostock in Verbindung, um Kriterien und Festlegungen zum Umgang mit inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern zu erfahren. Eine der ersten Kriterien war, ob die Auskünfte der inoffiziellen Mitarbeiter den Bespitzelten geschadet haben. „Es waren schwierige Entscheidungen und sie waren nicht immer gerecht. In den Jahren meiner Tätigkeit wurden jedoch immer die gleichen Maßstäbe angelegt“, so der Landrat. Er erzählte von zwei unterschiedlichen Fällen. Ein IM hatte eine für ihn nur unwichtige Information über einen Arbeitskollegen weitergegeben, die aber für den Bespitzelten einschneidende, dramatische und letztlich lebensbedrohliche Auswirkungen hatte. „Er hätte uns gesagt, dass seine Auskunft dem Bespitzelten nicht geschadet hat“, so Drefahl. In einem anderen Fall wiederum, wurde eine Frau, die in der Kreisverwaltung tätig war, wegen einer Nichtigkeit von der Stasi erpresst. Unter erheblichem Druck hatte sie sich zur Mitarbeit entschieden. Sie hatte ihre Stasi-Mitarbeit nicht offen gelegt, ihr wurde gekündigt.

Amüsant und unterhaltsam war die Episode rund um die Wahl des Westdeutschen Frank Mudrack zum Wirtschaftsdezernenten des Landkreises im Jahr 1991. „Es war ein Vorschlag der CDU, und es gab zu dieser Zeit das Bestreben, Fachleute aus dem Westen zu gewinnen“, erzählte Drefahl. Mudrack wurde als Mann mit umfangreichen kommunalpolitischen Erfahrungen gehandelt, da er bereits in drei westdeutschen Städten Bürgermeister gewesen war. Im heutigen Zeitalter von Internet und Google undenkbar, wussten jedoch weder der damalige Landrat, noch die Kreistagsmitglieder, mit wem sie es zu tun hatten. Der Kandidat musste in allen drei Städten sein Amt wegen grober Fehler und wegen Betrugsverdachts niederlegen. Erst der Anruf eines Journalisten vom Pinneberger Tagblatt nach der Wahl und viele Faxe mit Zeitungsartikeln über Mudrack öffneten dem Landrat die Augen.

Diese und viele andere spannende Geschichten sind in dem sehr empfehlenswerten Buch zu lesen.

Der Verkaufserlös geht an das Tierheim in Dorf Mecklenburg. Das Buch kostet 9,90 Euro, hat 212 Seiten und zahlreiche Bilder. Erschienen 2020 im Verlag Koch und Raum, Wismar (ISBN 978-3-944211-73-2).

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Eintrag ins Gästebuch des Literaturhauses. Dr. Udo Drefahl, erster Landrat von Nordwestmecklenburg.
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Dr. Udo Drefahl im Gespräch mit den Zuhörerinnen und Zuhörern nach der Lesung.
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Signieren und Buchverkauf „Die wilden Jahre“.